Prince Edward Island – Golfeldorado abseits der Trampelpfade

Kanadas Golfdestination #1

Die stolze breite Brust ist berechtigt, schließlich erfreut sich Kanadas kleinste Provinz im äußersten Osten einer glanzvollen Bandbreite an famosen Golfplätzen, die zu den besten des  Ahorn-Staates zählen. Evelyn Gruber nahm  Kurs auf Prince Eward Island, um die vom globalen Golftourismusverband (IAGTO) zur „Unentedeckten Golfdestination 2011“ ausgezeichnete Insel  zu erkunden. Einziger Wermutstropfen: die doch etwas komplizierte Anreise.

Voller Vorfreude studiere ich die übersichtlich gestaltete Werbebroschüre. Prince Edward Island, bei den Einheimischen PEI genannt, gehört schließlich nicht zum klassischen Programm des Bildungsbürgertums. Malerische, noch nicht zugebaute Küsten, authentisches Brauchtum, kulinarisches Köstlichkeiten und über 30 Golfplätze auf einer Insel, die flächenmäßig knapp halb so groß ist wie Oberösterreich. Dies läßt Aufregendes und Spektatkuläres erwarten und  stimmt fröhlich, dazu der aktuell günstige Dollarkurs – da muß man als Golfer hin.

In schlanken 6,5 Flug-Stunden habe ich Halifax, das Gateway der Atlantikprovinzen, erreicht. Kein bedrückendes Tohuwabohu bei der Einreise, wie meist auf den US-Flughäfen üblich. Ein schneller Coffee-to-Go und schon bin ich entspannt auf der Hauptroute zum Trans-Canada-Highway 102, dem mit 7821km (4x die Strecke Oslo-Rom) längsten nationalen Highway der Welt, Richtung Norden unterwegs. Selbst wenn die Gegend entlang dieser Verkehrsdurchzugsader nicht dem klassischen kanadischen Klischee von wilder, ungezähmter Natur entspricht, so kann man doch die oft zitierte Weite des zweitgrößten Landes der Welt erahnen. Die noch latent vorhandene Alltagshektik wird mir spätestens auf der einstündigen Fährfahrt auf die Insel PEI abgenommen , die nur per Schiff oder über die fast 13 km lange, 1998 eröffnete „Confederation Bridge“ erreichbar ist.

Zur historischen Verdichtung:  Die Väter der kanadischen Konföderation trafen sich 1864 auf diesem abgeschiedenen Eiland, um die politisch-ökonomische Vereinigung der vier britischen Kolonien zu diskutieren. Dies führte 3 Jahre später zur Geburt  des uns heute bekannten Bundesstaates Kanada, womit wahrhaft Großes – wie so oft-  auf einem kleinen Stück Land seinen Ursprung fand.

 

Delikater Genusstempel für Seafood-Lovers

Einen ersten Ankerpunkt setze ich im historischen Zentrum  der charmanten und liebenswerten Hauptstadt Charlottetown, die mit knapp 35.000 Einwohnern größte Ansammlung von Menschen auf der Insel.  Einen Takt langsamer als bei uns, dafür heiter und leicht, so lebt man hier. Die bunten, lieblich gestalteten Häuser spiegeln die Lebensfreude der Maritimer (Inselbewohner) wider. Globale Fastfood-Ketten finden sich an jeder Straßenecke und die Dichte von Sandwich-Läden auf der  spärlich bewohnten Insel  (141.000 Einwohner) ist wahrscheinlich höher ist als in so mancher europäischen Großstadt. Trotzdem wird auf  PEI – im Gegensatz  zu den weit verbreiteten kulinarischen Wüsten in den USA – auch ein vielfältiges Genuss-Angebot serviert, denn kulinarische Größe trifft man hier mengenweise. Speziell Seafood-Liebhaber wähnen sich im Schlaraffenland und dies nicht nur wegen der in diesen Nordatlantischen Gewässern heimischen und besonders schmackhaften Hummer (Lobster), Austern und Muscheln. Auch der Rote Thunfisch, der Bursche wird gewöhnlich gigantische drei Meter lang und bringt gewaltige 300kg auf die Waage,  gilt als köstliche Spezialität dieser fischreichen Region und verführt als unwiderstehlicher Leckerbissen eingefleischte Sushi-Lover.

Familiär geführte authentische Landhäuser,  Seafood-Suppers an den Küsten -Lokalitäten mit langer Tradition, die vielfältige Lobster-Gerichte anbieten-  gemütliche Kneipen, trendige Restaurants und  Hot-Spots in der City verführen mit wohlmundenden Genüssen.

 

Die Spiele können beginnen

Vorrangiger Grund meines Aufenthaltes sind jedoch die bereits im Vorfeld sondierten grandiosen Golfplätze, ebenfalls allesamt Leckereien ohne Sodbrennen. Als perfekter Einstieg ins Inselgolf präsentiert sich die Ecke um Cavendish, an der Nordküste der gerade einmal 90 km breiten Insel, die mit vier feschen Championship-Klassikern punktet.

Der erste im Bunde, Anderson Creek Golf Course, begeistert mit fantastischen Grüns und einem  großartigen Design in stark kupiertem Gelände, das das gesamte Schlagrepertoire fordert. Der dem Club namensgebende Creek kommt dabei  neun Mal ins Spiel, wobei sich Loch 15 als besonders tricky erweist: 150 Meter Carry, um das Fairway zu erreichen und ein blinder Schlag auf das stark erhöhte Grün als Draufgabe. Dafür wird nach der Runde im Clubhaus zu fangfrischen Muscheln geladen (bleibt definitiv in Erinnerung und ist somit ein gelungener Marketing-Gag!) und bei Life-Dudelsackmusik werden etwaige Golfwunden schnell vergessen.

 

Zwei Masterminds – ein Juwel

Quasi gleich um´s Eck wartet mit dem Green Gables GC ein extravagantes golferisches Highlight. Das 1939 geschaffene Meisterwerk trägt die bemerkenswerte Handschrift  von Stanley Thompson,  der auch als Mentor von Robert Trent Jones gilt. 70 Jahre später unterzog Thomas McBroom, ebenfalls ein Großer der Zunft, den ursprünglichen nach „Strategic Design“ konzipierten Parcours einem erfolgreichen Face-Lifting. Gefühlvoll  wurde der traditionelle Charakter bewahrt und mit zeitgenössischen Elementen wie großflächigen Bunkerlandschaften erfrischend aufgepeppt. Auch wenn der Platz  mit knapp 6200 Metern nicht unbedingt als Mickey-Maus -Wiese gilt und zum eher ungewöhnlichen Finish zwei Par 5 zu bewältigen sind, ist es auf diesem  Parkland-/Links-Layout trotzdem gut möglich, erfolgreich zu scoren.

Und weil frische Meeresluft, die man auf der  von 800 km langen Sandstränden gesäumten Insel überall atmen kann, bekanntlich hungrig macht, schmeckt das anschließende traditionelle Lobster-Supper an der Küste besonders gut. Als mundender Nachtisch wird ein „Kartoffel-Fudge“- eine karamellähnliche, süße Spezialität der Nordküste – gereicht. Eigenartig? Nicht wirklich, gilt doch PEI auch als Kartoffelhochburg, die fast halb Kanada mit der nahrhaften Knolle versorgt.

Lust auf mehr

Glasgow Hills, ein besonders abwechslungsreicher Champ und trotz seines zarten Alters von zehn Jahren bereits bestens gereift, steht am nächsten Tag auf meiner Agenda:  fein gestriegelte, wellige Fairways, pfeilschnelle Grüns, massig alter Baumbestand, gespickt mit herrlichen Vistas. Schottische Tradition mit kontemporärem Design, challenging, jedoch fair.  Loch 9 bleibt in besonderer Erinnerung: ein kniffliges Par-4-Dogleg mit einem rassigen Inselgrün. Winkelspiel ist hier gefragt, sonst droht der spielerische Untergang. Leckere Muscheln werden auch in diesem Clubhaus serviert , eine umwerfende Panorama-Aussicht auf den Fluß Clyde und den gewaltigen St. Lawrence-Strom inklusive. Das riesige Gewässer ist Lebensraum für große Herings-und Makrelenschwärme, denen im Juli und August ein halbes Dutzend verschiedener Walarten folgen. Ob ich die Blasts der Buckelwale schon gesehen hätte, möchte Flightpartner Stewart -so wie 38% der Insulaner schottischer Abstimmung- wissen. Leider nein, dazu fehlen Zeit und Geduld, scharre ich doch längst wieder in den Startlöchern zum nächsten Golferlebnis.

Dieses finde ich am Glenn Eagles Golf Course, dem zweiten Neuen (2002) mit schottischen Komponenten. Es macht Spass, diesen von der kanadischen Design-Legende Cook so harmonisch in die Landschaft gezauberten Parcours zu spielen, auch wenn aufgrund der vielen Schräglagen nicht viel Zeit zum Verschnaufen bleibt. Jedes Loch zeigt seine eigenen Charakteristik und belohnt mit herrlichen Ausblicken. Obwohl Loch 8, ein 560 Meter langes Kaliber, meist mit hantigem Gegenwind, selbst für Longhitter zum Test wird, positioniert sich diese Anlage als Eldorado für alle Spielstärken, die man ausnahmsweise auch leicht per-pedes bewältigen kann.

Nach 72 Loch in nur 2 Tagen zieht es meinen müden Körper an einen der zahlreichen, beliebten Strände. Beim Spiel mit den Wellen kühlt man sich ab. Zu kalt? Keinesfalls, bei kuscheligen 24° Wassertemperatur werden sogar stark strapazierte Muskeln wieder lang, ein herrliches Badevergnügen. Die leuchtende Sonne versinkt kitschig schön wie ein knallroter glühender Feuerball am Horizont. Gut wenn man zu Zweit ist, weil die Romantik dieser Momente dann doch mehr Kraft entwickelt als die brechenden Wellen. Kein Wunder, dass sich das jährlich im Juli stattfindende Couples Golf Festival auf PEI bereits zum begehrten Dauerbrenner für erlebnishungrige und romantische Golfpaare entwickelte.

Trotz schwerer Knochen steigere ich mit der Akklimatisierung die Dosis und stelle mich den wahren golferischen Herausforderungen der Insel.  Eine aufregende Verabredung mit dem weit über die lokalen Grenzen bekannten Aushängeschild  – The Links at Crowbush – setzt den Anfang.

Starkes Golf-Highlight in den Dünen

Top-10-Platz in Kanada, bei immerhin fast 2500 Golfanlagen im Lande kein Klacks. Und weil man sich prestigeträchtige Orden immer ganz besonders gerne an die Brust heftet, lesen sich die seit dem Eröffnungsahr 1994 eingestreiften  Auszeichnungen bei den euphorischen Beschreibungen des Platzes meist wie ein mehrseitiges Journal. Einmal mehr war es Design-Genie Thomas McBroom, der sich mit diesem Bravourstück, ein schottisches Links-Layout, ein besonderes Denkmal setzen konnte.  Der topographische Verlauf einzelner Bahnen durch dichte Fichtenwälder und salziges Sumpfland sowie die harmonische Einbindung in die nahezu endlose Dünenlandschaft geben dem leicht kupierten Parcours seinen unvergleichbaren Charakter. Acht Holes verlaufen spektakulär in den hügeligen Sanddünen nahe am Meer, eine wahre Augenweide. Doch es bleibt kaum Zeit für Muße, möchte man die 6200 Meter  von den Back-Tips (nur 4510 Meter von Rot!!) ohne scoremäßiges Desaster bezwingen. Ein Angriff auf das Ballkonto wird es allemal, ein kurzer Blick auf die Scorekarte und  der hohe Slope von 146 (Fontana 141) läßt erahnen, dass auf diesem grandiosen Platz sowohl Länge als auch äußerste Präzision wesentlich sind. Denn als ob massig Wasser und trickreiche Grüns nicht schon genug wären, wurden auch noch die für Linksplätze typischen Mulden und Senken sowie tiefe Potpunker strategisch platziert. Als eigenartig spielt sich allerdings die blinde 17, ein kurzes Par 3 bergauf mit viel Hecke und Fahnenstange. Viel Glück!

Wer meint, das Greenfee sei  auf diesem Weltklasse-Platz exorbitant hoch, der irrt. Moderate Euro 75.- in der absoluten Hochsaison –inklusive E-Cart wohlgemerkt -für eine der feinsten Anlagen Nordamerikas, sind ein absoluter Hammer, meine ich.

Obgleich diese 5-Stern-Enklave mit dem schmucken Rodd Crowbush Golf & Beach Resort zudem über eine der begehrtesten  Hotel-Adressen der Atlantikprovinzen verfügt, kehre ich nach Charlottetown retour. Praktisch und angenehm, wenn man nicht ständig Quartier wechseln muß und sämtliche Plätze der Insel in max 45 Minuten von der Inselhauptstadt aus erreichbar sind. Ein großes Plus und eine werbewirksame Message, die die klugen Insulaner auch gezielt auf ihre Marketingfahne hissen. Noch ein kühles Bier – ein echtes Gahan  – aus PEIs erster Mikro-Brauerei im Hunters, einem Hot-Spot der unerwartet lebhaften Nachtszene in Charlottetown, dann geht es ab in die Federn. Schließlich wartet am nächsten Tag zum Drüberstreuen mit der 45-Loch Anlage des Rodd Brudenell Resort in Georgetown noch ein weiterer Leckerbissen für Fairway-Gourmets.

Dramaturgie im Osten der Insel

Mit dem Alter kommt die Reife, einmal mehr zeigt sich diese Binsen-Weisheit beim bereits 1969 im eher ungewöhnlichen 6-6-6 Design konzipierten Platzhirsch Brudenell Golf Course. Zahlreiche farbenprächtige Blumenbeete und direkt am Wasser verlaufende Bahnen bieten jede Menge Attraktionen für das Auge, ohne dass dabei  der sportliche Anspruch verloren geht. Perfekt manikürte Greens schüren den Ehrgeiz, erfolgreich zu putten. Weite Fairways laden immer wieder zum Attackieren ein, doch Achtung: viel Nass in Form von Seen und Teichen stellen das Nervenkostüm hart auf die Probe.

Anders präsentiert sich der 6380 Meter lange Schwesterplatz Dundarave Golf Course (1999), dessen 18 technisch äußerst anspruchsvolle Spielbahnen von Michael Hurdzan and Dana Fry – für spektakuläres und ökologisches Design bekannt – buchstäblich aus dem dichten Wald geschnitzt wurden. Gelände stand bei der Konzeption des Parcous genügend zur Verfügung und so schlängeln sich die Bahnen in einer endlos erscheinenden Schleife entlang des Brudenell Rivers. Einsame Stille und abgeschieden vom Rest der Welt  – so wirkt der Platz auf´s Erste. Doch der Schein trügt, der idyllisch anmutende, perfekt geschniegelte Parcours entpuppt sich speziell an diesem Tag als Ball-fressendes Ungeheuer. Mein bestes Golf wird gefordert. Ob ich nicht doch im Callaway-Performance-Center meinen Schwung und  mein treffsicheres Visier einstellen sollte? Keine Zeit, befinde ich, ein großer Fehler, wie sich zeigt. Eine steife Meersebrise pfeift um die Ohren, sodaß die Schlägerwahl des öfteren zur Diplomarbeit wird. Schon auf den ersten Löchern geraten die mathematischen Gesetze ins Wanken, auch das von der Geraden, die die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkte sein soll. Auf diesem delikaten Platz mit teilweise engen Landezonen, abfallenden Fairways sowie mehrfachen Doglegs oftmals ein Desaster; formvollendet landet mein gesclicter Ball im dichten Gebüsch. Zudem bestrafen eine Fülle strategisch positionierter Bunker – mit  PEI´s typisch roter Erde gefüllt – erbarmungslos jeden unpräzisen Schlag. Shot-Placement heißt hier die gutgemeinte Strategie, dann wittert man auch immer wieder realistische Birdie-Chancen. Sofern die glattrasierten Grüns – 10,5 zeigt das Stimpmeter – nicht doch noch einen Strich durch das hart erarbeitete Score machen.

Fünf Tage feinstes Golf und Gourmet ganz nach meinem Geschmack liegen hinter mir und beeindruckt vom Rundum-Erlebnis auf dieser lieblichen Insel, verließ ich PEI an jenem Sonntag, als Rory McIlroy in eindrucksvoller Weise am Congressional CC seinen ersten  Major-Titel erspielte. Ich werde vieles vermissen:  das Lobster-Dinner, die idyllische Landschaft, die authentische Gastfreundlichkeit der Insulaner…Doch eines ist gewiss, auch wenn ich aus notorischem Zeitmangel auf die beiden ebenfalls top-gerateten Anlagen Mill River und Fox Meadow verzichten mußte: Ich habe eine fantastische Golfdestination abseits der Mainstream-Routen entdeckt, die als echtes Kronjuwel  auch dem königlichen Namenspatron Edward Augustus, Duke of Kent, alle Ehre erweist.

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